„Die Zeit rennt uns davon“
VON CHRIS STOFFELS
Fiona leidet an einer leichten Form des Down-Syndroms. Der vom Schulverwaltungsamt benannte Experte ist der Auffassung, Fiona passe von ihren geistigen und körperlichen Fähigkeiten gut an die Friedensschule. Die Nievenheimer Grundschule hat Erfahrungen im Umgang mit Jungen und Mädchen mit Down-Syndrom. Die Schulleiterin ist bereit, Fiona aufzunehmen. So weit, so gut. Fiona freut sich auf die Schule, wird im Kindergarten darauf vorbereitet.
Aber klar ist noch überhaupt nichts. Fionas Eltern haben noch keinen Bescheid, ob ihre Tochter zum neuen Schuljahr mit der Schule beginnen kann. Im Klartext: Das Schulamt des Rhein-Kreises Neuss hat noch nicht entschieden. Dazu der Pressesprecher des Rhein-Kreises Neuss, Harald Vieten: „Insgesamt gibt es 480 Anträge auf Sonderpädagogik, von denen 343 fristgerecht eingegangen sind. Der Haken ist: Wegen des frühen Schuljahresbeginns steht noch nicht fest, wieviele Sonderpädagogen uns von der Bezirksregierung zugewiesen werden.“
Das bedeutet: Noch steht nicht fest, in welchem Rahmen Kinder mit Lernschwierigkeiten unterrichtet werden können. Vieten: „Bislang sind 181 Fälle entschieden. 92 Bescheide werden in dieser Woche hinausgehen. In 70 Fällen wird erst in den Sommerferien entschieden.“
Der Rhein-Kreis Neuss bedauere diese zeitliche Verzögerung und die damit verbundene Ungewissheit für Eltern und Kinder, aber die Bezirksregierung sehe sich nicht in der Lage, früher über die Lehrerzuweisung zu entscheiden. Dort wird der Lehrerbedarf erst festgelegt, wenn die Schülerzahlen der einzelnen Schulen und Klassen vorliegen. Ein knapp bemessenes Verfahren, das in diesem Jahr offensichtlich nicht den frühen Ferienbeginn berücksichtigt.
Obwohl Annemarie André seit dem Herbst bemüht ist, Klarheit für ihre Tochter zu bekommen, wird sie immer wieder vertröstet, hingehalten, mit Versprechungen abgespeist. Im Mai wollte das Schulamt des Rhein-Kreises Neuss einen Bescheid über die Aufnahme von Fiona schicken. Doch es kam nichts.
Versuche, mit Schulrätin Ulrike Hund direkt zu sprechen, scheiterten. Sie berief sich laut Annemarie André darauf, dass erst in der Woche vor den Ferien überblickt werden könne, wo welche Sonderpädagogik angeboten werden könne. Jetzt kann sich die Familie wohl darauf einrichten, zu denjenigen zu zählen, die erst in den Ferien den Bescheid aus Neuss bekommen.
An der Mitteilung des Schulamtes hängen wichtige Entscheidungen für die Familie. Fiona hat Anspruch auf einen Integrationshelfer. Doch der wird erst bewilligt und finanziert, wenn der Bescheid des Schulamtes vorliegt - die Andrés müssen warten.
Ein solcher Integrationshelfer könnte ein Zivildienstleister sein - doch auch diese Stellen werden erst vergeben, wenn klar ist, dass Fiona eine Schule besucht. Annemarie André: „Diese Unwägbarkeiten und die endlose Warterei zerren unheimlich an den Nerven.“
Auch die Initiative „igll“ (Initiative gemeinsam leben und lernen) beklagt diesen Missstand. „Das ist ein seit langem bekanntes Pronlem“, erklärt Vorsitzende Ursula von Schönfeld. „Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass in der heißen Phase des Verfahrens Anträge nicht zügig genug bearbeitet werden“ und in dieser Phase nicht genügend Ansprechpartner im Schulamt zur Verfügung stünden.
Die Initiative lade seit Jahren frühzeitig die „Schulrätin und betroffene Eltern zum Elternabend ein, um die Wege kurz zu halten“. Trotzdem würden viele Kinder erst in den Ferien erfahren, wo sie eingeschult werden. „Gerade für behinderte Kinder ist es oft schrecklich, wenn sie zum Ferienbeginn nicht wie ihre Altersgenossen wissen, wohin sie nach den Ferien mit ihrem Tornister gehen.“
