Integrativer Klasse schon ab ab nächstem Jahr?
Eine integrative erste Klasse, in der behinderte und nicht-behinderte I-Dötze gemeinsam auf der Schulbank sitzen, könnte es in Korschenbroich schon ab dem Schuljahr 2002/2003 geben - wenn es nach dem Willen der betroffenen Eltern geht. "Ich weiß von etwa acht Eltern im Stadtgebiet, die ihre behinderten Kinder gern in einer integrativen Klasse unterrichten lassen würden - einige erst im übernächsten Schuljahr, die meisten aber ab kommendem Sommer", so Claudia Grüßem, Sprecherin einer Elterninitiative.
Schulrätin Ulrike Hund will noch keine festen Versprechungen machen: "Generell ist das Schulamt offen für die Wünsche der Eltern, aber eine integrative Klasse mit vier bis fünf behinderten Kindern ist nur dann möglich, wenn genügend Kinder zusammen kommen und wenn ausreichend Personal da ist."
Vor "allzu großem Optimismus" warnt der städtische Sozialdezernent Rudolf Graaff: "Noch liegt beim Schulamt der Stadt kein konkreter Antrag vor, und dann müssen wir zunächst ganz konkret den Bedarf und die Notwendigkeit prüfen." In erster Linie sehe er das Projekt unter dem Gesichtspunkt der Finanzierbarkeit, angesichts leerer Kassen stehe es um die Ausstattung solch einer integrativen Klasse nicht gut. Dazu Graaff weiter: "Das fängt bei Unterrichtsmaterial an und geht bis hin zu einem entsprechenden Klassenzimmer."
Zum Beispiel werde die eigentlich vierzügige Korschenbroicher Andreas-Schule jetzt schon teilweise fünfzügig geführt. Die betroffenen Eltern müssen sich noch gedulden, bis klar ist, ob auch ein Sonderpädagoge für die Arbeit zur Verfügung steht. Schulrätin Ulrike Hund erklärte auf Anfrage der NGZ: "Erst im Mai oder Juni wissen wir, wieviele Pädagogen uns vom Land zugeteilt werden und wer an welcher Schule unterrichtet." Integrative Grundschulklassen gibt es bereits in Holzbüttgen (Astrid-Lindgren-Schule), Meerbusch (Eichendorffschule) sowie an vier Neusser Grundschulen.
Dort hat eine Klasse mit vier bis fünf behinderten Kindern Anspruch auf einen Grundschul- und einen Sonderschullehrer, der je nach Behinderung der Schüler in Teil- oder Ganzzeit tätig ist. Schon jetzt gibt es gemeinsamen Unterricht von Behinderten und Nicht-Behinderten in der Korschenbroicher Andreas-Schule und in den Kleinenbroicher Maternus- und Dionysius-Grundschulen. "Dies sind jedoch keine integrativen Klassen, sondern ein oder zwei Behinderte wurden gemeinsam mit Gleichaltrigen unterrichtet", stellt Claudia Grüßem klar.
"Wir fordern integrative Klassen, weil die behinderten Kinder dann zu viert oder fünft sind und so nicht allein da stehen. Zudem sind die gemischten Klassen vom Lehrpersonal besser ausgestattet." Auch Wolfgang Gräe, Rektor der Andreas-Schule, sieht Vorteile in der Zusammenfassung der behinderten Schüler: Bisher sei ein Sonderpädagoge von Schule zu Schule gefahren, um die behinderten Kinder zu betreuen. "Wenn diese Mädchen und Jungen nun in eine Klasse gehen, kann er sich die Fahrt sparen und sich intensiver um die einzelnen Kinder kümmern", so der Pädagoge. Wenn möglich, würde die Klassenstärke bei einer gemischten Klasse reduziert werden - darauf gibt es aber keinen Rechtsanspruch.
Nach Ansicht von Wolfgang Grüe spricht "grundsäzlich nichts dagegen, solch eine integrative Klasse an der Andreas-Schule einzurichten: "Wir haben den gemischten Unterricht mit ein oder zwei behinderten Kindern schon seit Jahren in unserem Programm und gute Erfahrungen damit gemacht", betont er gegenüber der NGZ. Auch die nicht-behinderten Kinder profitierten davon, zum einen im sozialen Bereich und zum anderen dadurch, dass mehr Lehrer für die Klasse da seinen.
Bevor behinderte und nicht-behinderte Schüler nun tatsächlich ab Sommer gemeinsam die Schulbank drücken, müssen Gutachten für die betroffenen Mädchen und Jungen erstellt werden. "Davon hängt ab, wieviele Stunden ein zusätzlicher Lehrer tatsächlich in dieser Klasse unterrichtet", erklärt Claudia Grüßem, die sich bei der Neusser "Initiative gemeinsam leben und lernen" (IGLL) zum Thema "Integrativer Unterricht" kundig gemacht hat. Ebenso wie andere Eltern der Initiative würde sie ihren sechsjährigen Sohn Jonas, bei dem eine mittelgradige Schwerhörigkeit festgestellt wurde, am liebsten in eine Schule im Stadtgebiet schicken.
Denn auf diese Weise bleiben die sozialen Kontakte erhalten, die die Kinder in den integrativen Kindergärten in Glehn "Am Kerper Weiher" und in Kleinenbroich an der Josef-Thory-Straße geknüpft haben. "Die Integration muss auch nach der Kindergartenzeit weitergehen", findet sie. "Wenn unser Sohn in eine Sonderschule müsste, wäre er jeden Tag bis 16 Uhr unterwegs - da kann man sich ja vorstellen, dass keine Zeit mehr bleibt für Freundschaften mit Kindern aus dem eigen Ort."
